Sollte man in Länder reisen, die Menschenrechte verletzen?

Iraner sind Terroristen, Chinesen essen Hunde und spucken überall hin, indische Männer sehen Frauen generell als Objekte und US-Amerikaner sind oberflächlich und fett. Findet ihr nicht? Dann lest weiter! Menschenrechte auf Reisen – über die Gewissensfrage, ob man in Länder reisen sollte, die Menschenrechte verletzen.

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Menschenrechte Reisen

Der Iran ist derzeit wieder groß in den Nachrichten. Vor allem aufgrund des Atomabkommens, aber auch weil die Tourismusindustrie des Landes rasant wächst. In Großstädten wie Teheran oder Isfahan ist es teils schwer, überhaupt noch ein Hotelzimmer zu finden. Und einige Touranbieter sind schon jetzt bis 2017 ausgebucht.

Auch die Presse wird langsam aufmerksam: auf die enorme Schönheit des Landes, seine surrealen Landschaften, die alten Königsstädte und majestätischen Moscheen.

Menschenrechte Reisen

Aber es gibt noch etwas, das in den Fokus der weltweiten Medien geraten ist. Es ist kein Geheimnis, dass die Regierung Menschenrechte nicht unbedingt groß schreibt. Dem dürfte sich auch jeder bewusst sein, der in den Iran reist oder eine Reise in den Iran plant. Egal ob man aus Europa anreist, aus den USA oder von anderswo.

Natürlich kam die Frage nach dem Warum sehr häufig, bevor ich 2014 zum ersten Mal in den Iran reiste. Die Frage danach, ob es mich nicht interessieren würde, was die Regierung mache, wie sie mit dem Volk umgehe, und danach, wie zum Henker ich überhaupt auf die Idee kam, in den Iran zu reisen…

Nun mal Fakten auf den Tisch. In den letzten Jahren war ich unter anderem mehrfach in China, im Iran und in Israel. Und natürlich frage ich mich bei diesen Ländern, ob es moralisch in Ordnung ist, da sein Geld hinein zu pumpen. In Länder, bei denen allgemein bekannt ist, dass etwas Negatives an ihnen haftet, sei es Korruption, Todesstrafe oder nichts weniger als ein Krieg.

Aber stellt euch mal vor: Jedes Mal, wenn mir jemand die Frage, warum ich in ein Land wie den Iran reise, ein Land mit einer unberechenbaren Regierung und angeblich ja auch Atomwaffen, drehe ich den Spieß einfach um und stell die Gegenfrage.

Ich frage, in welches Land es sie oder ihn zuletzt geführt hat? Nach China vielleicht? Oder die USA? Beide Länder verletzen die Menschenrechte auf eine gewisse Weise, beide Länder haben die Todesstrafe. In China werden sogar weit mehr Menschen hingerichtet, als im Rest der Welt. Die Vereinigten Staaten mögen vielleicht weniger Todesstrafen haben, als andere Nationen, aber auch hier ist Menschenrechtsverletzung wie in Guantanamo ein großes Thema – immer noch.

Man sollte sein Reiseziel also wohl kaum danach auswählen, ob das eine Land zu 100% böse ist und das andere vielleicht nur zu 80%. Oder wie seht ihr das?

Menschenrechte Reisen
Menschenrechte auf Reisen: eine Gewissensfrage

Versteht mich nicht falsch. Ich verbringe liebend gern Zeit in den USA oder in China, aber niemand hat mir bei Reisezielen wie diesen jemals solche Fragen gestellt. Niemand hat mich gefragt, „Ist es sicher in den USA?“ oder „Was denkst du über Menschenrechtsverletzungen in China?“

Offenheit muss mehr sein, als der Verzicht, sich über Schlagzeilen aufzuregen.

Die meisten stellen solche Fragen nur, wenn es um Länder geht, die sie nicht kennen, um Orte, von denen sie eigentlich keine Meinung haben können, weil sie ja nie da waren. Ihr schaut die Nachrichten, ihr lest Zeitungen, seid interessiert an dem, was in der Welt so los ist. Offenheit bedeutet aber mehr, als sich nicht über die Schlagzeilen aufzuregen. Glaubt doch nicht den ganzen Mist! Geht ins Detail. Macht euch selbst ein Bild von der Haltung einer Regierung und vor allem, haltet sie nicht für die geläufige Meinung des Volkes.

Menschenrechte Reisen
Menschenrechte und Reisen: Wie steht es mit dem Land of Dreams?

Wir vergessen oft, das die Führung eines Landes nur ein Teil dessen ist, vergleichsweise sogar ein sehr kleiner. Was ist mit den Menschen? Der Kultur? Der Landschaft? Der Sprache? All den Dingen, die wir doch so gern für uns entdecken und lieben lernen, all den Dingen, welche die ganze Idee vom Leben der Bevölkerung ausmachen, ihr Dasein, ihr Denken, ihre Träume?

Was wäre, wenn keiner jemals in Länder wie Frankreich oder Italien gereist wäre? Würden wir dann die Wahrheit über die Menschen wissen, die dort leben? Würden wir über ihre Kultur bescheid wissen, darüber, wie das Leben dort funktioniert? Würden wir Spaghetti alle so sehr mögen?

Ich frage mich oft, wovor so viele Menschen Angst haben: vor einer ihnen fremden Kultur? Vor anderen Religionen? Ungewohnter Küche? Ernsthaft? Tourist zu sein, bedeutet nicht, politischer Sympathisant zu sein. Fragt euch doch mal, ob ihr hinter allem steht, was eure eigene Regierung so macht?

Vielerorts ist es ein recht einseitiges Denken, unterstützt von den weltweiten Medien – von eurem lokalem Fernsehsender, der sich nur für eins interessiert: Schlagzeilen, Breaking News. Je extremer, desto besser. Und das wiederum resultiert in oft sehr trauriger, niederschmetternder Berichterstattung ganz nach dem Motto: „Die Welt ist böse, komm’ damit klar. Und schalt bloß nicht ab oder kauf‘ eine andere Tageszeitung.“ Was sonst so in der Welt an wirklich relevanten Dingen passiert, bleibt uns oft verwehrt.

Menschenrechte Reisen
Verdrängen viele das Thema Menschenrechte auf Reisen einfach?

Darum: bleibt neugierig. Nicht für Zeitungen oder TV-Sendungen, sondern dafür, wie ein Ort riecht, wie eine Stadt pulsiert, was für kulinarische Entdeckungen auf euch warten. Dafür, wie die Menschen ticken und was ihre Traditionen sind. Für all die unbekannten Orte, die nur darauf warten, von euch entdeckt zu werden. Glaubt mir, ihr könnt dabei so viel lernen.

Wir sind nicht einfach nur Deutsch, Französisch, Britisch oder Amerikanisch, wir sind Menschen. Das mag jetzt unglaublich schmalzig klingen, aber das trifft es auf den Punkt. Die Unterschiede zwischen uns Menschen sind gar nicht so groß, wie ihr vielleicht immer angenommen habt.

Ich für meinen Teil wollte mit keiner meiner Reisen jemals eine Regierung unterstützen, nicht die USA, nicht den Iran, Israel oder das Nimmerland. Ich möchte weder irgendeine Regierung verteidigen, noch ihr Handeln relativieren. Ich glaube sogar, dass unsere Vorurteile teilweise der Wahrheit entsprechen. Aber wir sollten wenigstens alles tun, um aufzudecken, was dahinter steckt, findet ihr nicht auch?
Natürlich kriegen die unser Geld, das wir vor Ort ausgeben, egal in welchem Land. Aber es braucht mehr als das. Sie, die MENSCHEN, brauchen mehr als das. Sie brauchen uns. Und wir brauchen sie. Wieso?

Menschenrechte Reisen
Menschenrechte auf Reisen: die kleinen Begegnungen sind das, was eine Reise ausmacht

Menschenrechte Reisen
Menschenrechte im Tourismus: für viele passt das Thema nicht ins Urlaubsparadies

Während meinen Reisen nach Indien, Thailand oder China habe ich soviel über mich, mein Glück und meine Rolle als Deutscher in der Welt lernen können. Als Reisender unterstütze ich den Dialog zwischen Ländern, ja vielleicht sogar den Dialog zwischen Regierungen, wenn auch nur ein klitzekleines bisschen.

Natürlich haben wir unsere ganz eigene Vorstellung von einem guten Leben, von Demokratie, Religion und kulturellem Zusammenleben. Aber keiner hat gesagt, dass wir sie hinaus in Welt tragen müssen. Das ist auch weder möglich, noch unsere Aufgabe. Versucht doch einfach mal, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Das klappt am besten, in dem ihr sie euch von Nahem anschaut.

Ich bleib’ neugierig. Und ihr?

Menschenrechte Reisen

Hinweis: Dieser Artikel über Menschenrechte und Reisen wird von keinem anderen als mir präsentiert. Er braucht weder einen Sponsor noch eine Kooperation. Alle Meinungen sind die meinen und nur die meinen.

Übrigens, wie es im Iran wirklich ist, könnt ihr in meinen Berichten nachlesen: zum Beispiel im Backpacking Guide für den Iran. Und taucht doch einfach mal ein in die schönsten Orte des alten Persiens.

Was denkt ihr über Menschenrechte auf Reisen? Wo zieht ihr die Grenze? Rein in die Kommentare!

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Der Artikel ist auch in English verfügbar.

  1. Thomas says:

    Hallo Clemens,
    Super Beitrag, den ich zu 100% auch so unterschreiben kann. Besonders Dein Satz mit „wir sind Menschen“, bringt es auf den Punkt. Früher hatte ich vor Reisen in bestimmte Länder auch einige Berührungsängste. Desto mehr Kulturen man auf der Welt kennen lernt, desto mehr stellt man fest, das Menschen tatsächlich überall auf der Welt Menschen sind. Das mag schrecklich kitschig klingen, aber selbst in noch so fremden Kulturen kann man sich darauf verlassen, dass Menschen sich gegenseitig helfen. Quasi ein angeborener Instinkt. Sich wegen eines politischen Systems oder anderer Dinge, die über den Menschen stehen, nicht auf den Weg zu den Menschen dort zu machen, wäre doch eine Schande. Als Reisende sollten wir vor allem offen und nicht politisch sein.
    Viele Grüße
    Thomas

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  2. Hallo,
    ich habe da nur eine erste Randglosse: Eine menschenverachtende Diktatur wie den Iran in einem Satz mit der einzigen Demokratie im Nahen Osten (Israel) zu nennen – da muss man erst einmal drauf kommen!
    Zweitens: Nein, wir werden in kein Land reisen, wo sich meine Frau verhüllen muss, nur weil einige irre Ajatollahs das so möchten.
    Drittens: Wir achten lieber die Rechte von Menschen als uns Gedanken darüber zu machen, wieviel CO2 unser Flieger verbraucht. 🙂
    Last but not least: Jedem Tierchen sein Pläsierchen! Möge jeder dahin reisen, wohin es ihn als Individuum zieht.
    Allzeit gute Reise, wohin auch immer.

    Antworten
  3. Helmut says:

    Hallo Clemens,
    Begegnungen mit Menschen sind essentiell – ob in Demokratien oder Diktaturen.

    Seit jeher reisen deutsche Urlauber nach Cuba. Nun wird auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier die bisher gemiedene Diktatur besuchen. Weil es ihm die Demokratie USA erlaubt.
    Die US-Regierung untersagt es den eigenen Landsleuten bislang nach Cuba zu reisen. Trotzdem sind tausende (über Kanada) hingeflogen – ohne Rücksicht auf CO2-Ausstoss, aber ihre eigenen Menschenrechte wahrend.
    Die einzige Demokratie im Nahen Osten tötet oft rücksichtslos, so dass selbst beste Freunde wie die USA und Europa/Deutschland sich von den Orgien oft distanzieren müssen. Ein Beispiel aus dem aktuellen Spiegel Online: „Während des letzten Gaza-Kriegs tötete die israelische Armee vier Kinder, die am Strand Fußball spielten. Der Angriff sorgte weltweit für Entsetzen… Israelische Soldaten bleiben straffrei…. Bei den Kampfhandlungen wurden mehr als 2200 Palästinenser getötet oder starben später an ihren Verletzungen. Auf israelischer Seite starben mehr als 70 Menschen. Sowohl Israel als auch der Hamas werden in dem Konflikt von Menschenrechtsorganisationen Kriegsverbrechen vorgeworfen.“ Diese Demokraten!

    Wer fähig ist, sich ohne Vorurteile eine eigene Meinung zu bilden, kommt oft auf ganze andere Schlüsse als die politisch gelenkte Meinung. Aber dazu muss man selbst hinsehen und denken! Wozu unreflektiertes Nachplappern und Mitlaufen führen kann, hat man vor ca. 80 Jahren gesehen.
    Begegnungen mit Menschen sind essentiell – reisen und Menschen treffen ist hierfür das beste Mittel! Weiter so!
    Allzeit gute Reise.

    Antworten
  4. Wibke says:

    Hallo Clemens,

    richtig guter Artikel. Danke dafür.
    Viele machen einen großen Bogen darum und schweigen das Thema vielleicht sogar tot, denn zum Reisen passt das irgendwie nicht. Dennoch sollte man sich seine Gedanken machen und somit entscheiden, ob man in ein Land reisen möchte, in dem die Menschenrechte verletzt werden, oder eben nicht. Auch ich war schon in solchen Ländern und frage mich immer wieder, weshalb keiner fragt, wie man auf die Idee kommt, nach China zu reisen und einem dann nur „viel Spaß und eine gute Reise“ gewünscht wird, während das bei einer Reise in die Ukraine oder eben wie in deinem Beispiel, in den Iran, schon wieder ganz anders aussieht. Und hey, ich würde immer wieder in solche Länder reisen, denn es ist doch tatsächlich so, dass eine Regierung nicht das Land und seine Menschen ausmacht. Ich lerne ein land lieber selbst kennen, als das, was in den Medien zu diesen Ländern vermittelt wird, als einzig richtig zu sehen.

    Grüße,
    Wibke

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  5. Oli says:

    Hallo Clemens,

    toller Beitrag. Ich sehe das genauso. Wollte man seine Reiseziele ausschliesslich auf Grund der Menschenrechte aussuchen, dann müsste man wohl daheimbleiben – oder wart mal, vielleicht kann man nicht einmal mehr mit gutem Gewissen Nicht-Reisen!

    Ich glaube nicht, dass es die Situation der Menschen verbessert, nur weil wir das Land nicht besuchen. Im Gegenteil: Gerade der Austausch ist es, der den Menschen eine weitere Perspektive bietet – das gilt besonders in Ländern mit einer starken Zensur wie zum Beispiel China.

    Wer ethisch richtig Reisen will, muss auf einem freien Grad wandern: Verbrecher und Mörder nicht belohnen aber gleichzeitig auch nicht Unschuldige (zum Beispiel das unterdrückte Volk) bestrafen.

    Gruss,
    Oli

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  6. Ela says:

    Interessanter Artikel, danke für die Auseinandersetzung damit. Viele Reiseblogs sind so oberflächlich, da finde ich es toll, dass sich jemand mal tiefergehend mit den Hintergründen von Tourismus beschäftigt. Als studierte Kultur- und Sozialanthropologin mit Schwerpunkt Menschenrecht durchaus interessant zu lesen 😉
    Liebe Grüße,
    Ela

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  7. Step says:

    Ich sehe das genauso wie du – man muss trennen zwischen den Menschen und der Regierung eines Landes. Ich war nur einmal drei Tage in Teheran, habe aber, was die Begegnungen betrifft, genauso ausschließlich positive Erfahrungen gemacht. Und aus Gesprächen durchaus mitgekriegt, dass die Mehrzahl der Menschen dort dieses kranke Regime gar nicht unterstützt sondern einfach Angst hat vor Repression und Verfolgung und sich deshalb damit soweit arrangiert, indem sie sich ihre Freiheiten eben im privaten Rahmen schaffen. Ich würde sehr gern den Iran bereisen und werde das demnächst wohl auch tun – nicht um das Regime zu stärken sondern um die Leute, die dort leben, kennen zu lernen und sie von einer anderen Sicht zu sehen als das „Böse“, das uns die Medien vermitteln.

    Und auch in Demokratien gibt es Regime, die ich ablehne. Sei es die Dummheit der amerikanischen Republikaner (ein Sammelbecken an fokussierter Unintelligenz) oder auch Regime wie des israelischen Likud – ich würde aber nicht wegen Bush oder Netanyahu nicht in diese Länder fahren……einzig Länder, in denen meine eigene Sicherheit bedroht wäre (also zum Beispiel in von Taliban oder IS kontrollierten Gebiete) würde ich meiden…….

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