Swinging London: Was ist übrig von den wilden 60ern?

Von Rockmusik bis Minirock: Die 60er Jahre haben London geprägt wie kein anderes Jahrzehnt. Ob musikalisch oder modisch, die Hauptstadt des Vereinigten Königreichs war das europäische Capital of Cool. Doch was ist übrig vom großen Vibe des Swinging London? Ein Streifzug durch das London von heute – mit dem Merian London vom März 1967.

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Das Ronnie Scotts im Swinging London

Piccadilly Circus im Jahr 2016. Beschäftigt sieht er aus, der Platz im Londoner West End, fast wie eh und je. Am Kiosk nebenan wuselt sich eine Gruppe Chinesischer Touristen durch einen Stapel alter Postkarten von eben jenem Platz, der schon vor über einem Jahrhundert der Nabel Großbritanniens war, wenn nicht sogar ganz Europas. Verändert hat er sich dennoch über die Jahrzehnte, vor allem seine breitflächigen Werbereklamen an den Häuserfassaden. Anfangs noch mit einfachen weißen Glühbirnen beleuchtet, erfand sich der Piccadilly Circus in den 60er Jahren neu, und erstrahlte in den knalligen Farben von Neonröhren. Die wilden 60er brachten aber nicht nur im West End Veränderungen mit sich, im Gegenteil, ganz London wurde Teil eines neuen Zeitgeists: des Swinging London.

Swinging London: Ein „Youthquake“ in Musik, Fashion und Medien

Während vor allem weltpolitische Themen wie die Kubakrise und der Vietnamkrieg die Nachrichten bestimmten, formte sich in der Londoner Gesellschaft viel mehr als nur eine Friedensbewegung, sondern eine gänzlich neue Sicht- und Denkweise, ja ein neues Weltbild. Der Grundstein dessen war, wie soll es anders sein, die Musik und jegliche popkulturellen Phänomene, die mit ihr einhergehen, allen voran die Mode. Während viele Musiker der 60er angespornt waren von der Idee einer besseren Lebensweise, verbreiteten sie ihr Gedankengut in Sachen Identität, Glauben, Politik, Konsum, Leben und Kommunikation im Deckmantel des Rock und Pop. Schnell war eine kleine Revolution geboren.

„Never doubt that a small group of thoughtful, committed citizens can change the world.“
Margaret Mead

Die Szene tummelte sich vor allem in ausgewiesenen Stadtteilen, wie entlang der King’s Road in Chelsea. Diese sieht heute nicht anders aus, als andere High Streets im Land, wenn auch ein wenig posher. Wer die Straße entlang schlendert, passiert die üblichen Einkaufsläden wie Boots, WH Smiths sowie die ebenso allgegenwärtigen Coffee-Shop-Ketten von Costa oder Pret a Manger. Tatsächlich verbergen sind hier entlang der ehemaligen Trendsetter-Straße Nr.1 zahlreiche Spuren des Swinging London.

Kings Road im Swinging London
Die King’s Road war einstige Brutzelle des Swinging London

Mary Quant und ihr Minirock im Swinging London
Swinging London: Bei der Erfinderin des Minirock gibt es noch immer Sixties Kleidung

So zum Beispiel die Geburtsstätte des massentauglichen Minirocks. Diesen erfand die britische Modedesignerin Mary Quant in dem kleinen Landen „Bazaar“ Anfang der 60er Jahre – Startpunkt einer wahren Erfolgsgeschichte. Erst fand sich der Minirock in der britischen Vogue wieder, bald an den Hüften junger Frauen weltweit. Auch heute findet man eine Boutique namens „Mary Quant“ in einem modernen Hinterhof-Komplex am südwestlichen Ende der King’s Road. Drinnen verkauft eine unscheinbare Mittzwanzigerin Damenkleidung mit einem etwas in die Jahre gekommenen Stil, der zumeist an das britische Fotomodell Twiggy erinnert – die Stilikone der 60er. Er ist also noch da, der modische Charme, auch wenn Frau Quant die Marke vor Jahren an eine Japanische Investorengruppe verkauft hat. Geld schlägt Tradition.

Chelsea: Wo Rockstars ein und aus gingen

Weiter westwärts, in einer kleinen Seitenstraße, wohnte einst einer der Großen der Rockmusik. Das The Pheasantry (152 King’s Road) genannte Haus, besticht heute weniger mit seinem zu seiner Zeit außergewöhnlichen Baustil, als durch das Wissen, dass hier einst Eric Clapton ein und aus ging.

Pheasantry House von Eric Clapton im Swinging London von Chelsea
The Pheasantry House: Hier wohnte Eric Clapton im Swinging London

Und überhaupt, Rockgeschichte wurde viel geschrieben entlang der King’s Road. Eine verbirgt sich schon wenige Meter weiter an der Ecke zur Royal Avenue. Wo sich heute eine Mc Donald’s Filiale hinter der Fassade verbirgt, befand sich in den 60ern der Chelsea Drug Store, wo einst Berühmt- und Halbberühmtheiten ein und ausgingen – unter ihnen zum Beispiel Mick Jagger, der dem Laden mit seinen Rolling Stones im Klassiker „You can’t always get what you want“ verewigte. Das Stück ist seine ganz persönliche Hommage an die wilden Sechziger, reflektiert er doch das Ende der rauschenden Tage der Swinging Sixties.

Ehemalihger Chelsea Drug Store im Swinging London
Im Swinging London Chelsea Drug Store, heute Mc Donald’s

Die eigentliche Revolution jedoch spielte sich längst woanders ab: im Stadtteil Soho, „der einzige Stadtteil Londons, der auch für den Londoner etwas Besonders darstellt“ (Merian London, März 1967). Die Sechziger waren eine Explosion von Britischer Musik. Während Amerika von der Britischen Musikwelle überrollt wurde, eroberte Beatlemania die ganze Welt. Und Soho wurde zum Zentrum der internationalen Musikszene. Auch heute noch sind einige Brutstätten erhalten geblieben, manche sogar in ihrer ursprünglichen Form als Bar oder Konzerthalle. So zum Beispiel das Bag O’Nails in der Kingly Street Nr. 8. Heute ein Nachtclub war das Bag O’Nails in den 60ern der Treffpunkt für alle Musiker, die was zu sagen hatten. Hier spielte Jimi Hendrix eines seiner legendärsten Konzerte, hier warf Paul McCartney zum ersten Mal ein Auge auf seine spätere Frau Linda Eastman.

Das Bag O Nails im Swinging London von Soho
Das Bag O’Nails war ein angesagter Club im Swinging London

Weitere Meilensteine der Rockgeschichte finden sich nur einen Steinwurf entfernt im Jazzclub Ronnie Scott’s in der Frith Street Nr. 47. In diesem „finsteren Amphitheater“, so der Merian von 1967, spielten The Who im Mai 1969 ihr erstes Konzert überhaupt. Die Musik, so die Autoren weiter, sei „sehr modern“. Das ist wohl bis heute so geblieben. Denn auch im Jahr 2016 zieht der Nachtclub mit der neusten Musik, aber auch mit Jazzkonzerten die Jugend an.
Swinging London MerianEhemaliger Marquee Club im Swinging London von Soho
Früher ein Konzertsaal: Nicht alle Clubs haben das Swinging London überlebt

Allerdings haben nicht alle legendären Konzertsäle Sohos bis heute Bestand. Wie zum Beispiel The Marquee Club in der Wardour Street Nr. 90. Wo Musiklegenden wie Rod Steward, Pink Floyd, David Bowie und die Rolling Stones ihre Karrieren starteten, befindet sich heute ein Apartmentkomplex. Letztere spielten im Marquee übrigens sogar ihr allererstes Konzert unter ihrem Bandnamen.

Carnaby Street: Wo der Pop die Mode veränderte

„Ein weiteres Symptom [der] jugendlichen Anti-Establishment-Haltung ist die Carnaby Street“ (Merian London, 1967) Und bis heute versucht sie diesen Ruf aufrecht zu halten. Keine Straße steht so sehr für das Swinging London der Sechziger wie sie. Keine Straße vereinte so viel Coolness wie sie. Denn hier in dieser schmalen Gasse hat die Londoner Popszene Einfluss genommen auf den Modegeschmack der aufstrebenden Jugend.

„In Regent Street and Leicester Square everywhere the Carnabetian army matches on…“
The Kinks: Dedicated Follower of Fashion, 1966

Schon im April 1966 schrieb das „Time Magazine“: „Nichts verkörpert das neue, Swinging London mehr als die Carnaby Street, die mit einem Cluster von Boutiquen ausgestattet ist, in denen sich Mädchen und Jungs gegenseitig Kleidung kaufen…“

Die Carnaby Street im Swinging London von SohoFrüher „cool“, heute „hip“: Die Carnaby Street war die legendäre Straße im Swinging London

Hier spürte man den Puls der neuen Zeit, hier lief man zur Schau statt nur zum Spaß, hier konnte Homosexualität gar nicht schrill genug sein. Die Carnaby Street war Sehen und Gesehen werden – und zwar galt das zum ersten Mal in ganz London nicht nur für die Mädchen der reichen Oberklasse. „Ein gewisser äußerer Stil genügt, sofern er sich mit einer Geisteshaltung verbindet, die unter der Bezeichnung „cool“ bekannt ist,“ erklärt das Merian-Heft über London im Jahr 1967.

„Es gibt wieder eine Brücke zwischen der Kunst und dem Leben.“
Merian „London“, März 1967

Leider hat die kleine Flaniermeile den wuchtigen Charme der Swinging Sixties längst verloren. Und doch weht immer noch ein dezenter Wind des 60er-Jahre Londons durch die betagten Gassen. Zum Beispiel weit oben, wo der Name Carnaby Street über der Straße thront – eingemantelt in einem Union Jack aus glitzernden Pailletten. Oder unten an der Ecke zur Beak Street, wo Liam Gallagher, der einstige Frontman der Band Oasis, seit einigen Jahren seine modischen Kreationen anbietet – auch wenn diese lange nicht so gewagt sind, wie einst die von Mary Quant. Gallagher selbst hatte während der 90er den Flair des Britischen Empires jahrelang hoch gehalten und ihm mit dem Britpop weit über die Grenzen hinaus zu neuer Berühmtheit verholfen. Lang’ ist es her.
Während die Carnaby Street eine belebte wie beliebte Einkaufsstraße geblieben ist, befindet sich das Epizentrum von Mode und Stil heute in anderen Stadtteilen wie zum Beispiel Shoreditch.

Belebte Carnaby Street im Swinging London von Soho
Zentrum des Swinging London: die Carnaby Steeet in Soho

Swinging London Piccadilly Circus
Der Piccadilly Circus: Auch er wird bald zur Baustelle

Ein paar Straßen südlich blinkt der Piccadilly Circus wie eh und je in den sattesten Farben. Ermöglicht wird das Werbespektakel natürlich schon lange nicht mehr durch Neonröhren, sondern durch riesige LCD-Screens. Bald wird sich der Piccadilly Circus wieder neu erfinden. Die umliegenden Gebäude des Platzes sollen ausgebaut werden: zum neuen Piccadilly-Lights-Komplex aus Büros, Geschäften und Wohnungen. Die Londoner Institution wird es also so, wie man sie kennt, bald nicht mehr geben. Sie wird herausgeputzt für das Establishment und ist, wie schon 1967 „vom Fortschritt bedroht“ (Merian, 1967). Bis es wieder Zeit wird für einen neuen, revolutionären Zeitgeist.

swinging_london-zvab

Tipp: Die sehenswerte Ausstellung „You Say You Want a Revolution? Records and Rebels 1966-1970“ im Victoria and Albert Museum läuft noch bis 16.02.2017 

Hinweis: Bei der Recherche fand der Merian London 1967 Verwendung. Der Artikel entstand in Zusammenarbeit mit ZVAB

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Der Artikel ist auch in English verfügbar.

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