Leonard Cohen in Hamburg: der alte Mann und sein Hut

Nein, es ist keines von diesen Konzerten die dich auslaugen, die alles von dir abverlangen und dich erschöpft zurücklassen. Es ist, als würde dich ein guter alter Freund besuchen, den du schon lange nicht mehr gesehen hast und der viel zu erzählen hat nach all den Jahren. Der Großmeister Leonard Cohen in Hamburg.

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Leonard Cohen in Hamburg
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02 World, Leonard Cohen in Hamburg, 14.07.2013

Leonard Cohen ist ein Gentleman der alten Schule. Und Gentlemen lassen nicht auf sich warten. Im Gegenteil: der Großmeister der Melancholie beginnt mit lediglich zehn Minuten Verspätung. Mehr mutet er seinen Gästen in der Hamburger o2 World nicht zu – einem Publikum, dessen Gros dem Alter des Gastgebers durchaus gerecht wird. Sogar der ein oder andere Rollator lässt sich an den Treppenaufgängen sichten.

Doch nicht Cohen. Schon zu Beginn hüpft der 78-jährige so beschwingt auf die Bühne, dass man ihn erst gar nicht erkennen mag. Und in den folgenden drei Stunden wird er tänzeln, wanken und x-Mal auf die Knie sinken, fast so, als würde es so etwas wie das Alter gar nicht geben. Cohen, der seine Werke gerne kniend zum Besten gibt, hat eine Handvoll Perserteppiche auslegen lassen, auf die unzählige Male niedersinkt um sich in seinen Liedern zu verlieren.

Schon mit der ersten Darbietung, Dance me to the end of love, bricht der Mann im eleganten schwarzen Anzug, dem zarten Hut und einem allwissenden, charmanten Lächeln sämtliche Dämme zwischen sich und dem Publikum, welches im Laufe des Konzertes immer näher zusammenrückt.

Und überhaupt: die Liebe! Mit ihr ist auch das Thema des Abends bestimmt. Überrascht hat das hier wohl keinen mehr. Schließlich liebt Cohen die Frauen wie kein Zweiter – und er lässt nichts unversucht, diesem Ruf auch heute noch gerecht zu werden. Zu spüren bekommen dies vor allem seine drei adrett gekleideten Backgroundsängerinnen, denen er immer und immer wieder den Hof macht. Und zwar auf eine sehr nonchalante, schmeichelhafte, ja freundschaftliche Art und Weise. Wie er sich verbeugt, wie er das Zepter an sie übergibt, wie er zu und mit ihnen tänzelt. Dass sie allesamt seine Enkeltöchter sein könnten, spielt dabei keine Rolle.

Und noch eine weitere Liebesbeziehung ist an diesem Sommerabend auf der Bühne zu beobachten: die zu Cohens Lieblingsrequisit, seinem Hut. Mit ihm hantiert er mehr herum, als ein Rockmusiker mit dem Mikrofon. Liebevoll setzt er ihn auf, nimmt ihn ab, knetet ihn in den Händen wie einen alten Talisman und hält ihn sich demütig vor die Brust, wenn einer seiner Musiker zum Solo ansetzt.

Suzanne, Hey That’s No Way To Say Goodbye, Famous Blue Raincoat – Cohen spielt all das, was sein Publikum von ihm hören will, poetisch, schwer und von tiefer Melancholie durchzogen. Ja, manchmal hat man den Eindruck, der alte Herr im Anzug stünde direkt neben einem und flüstere einem seine Weisheiten ins Ohr. Dass manche Songs 40 Jahre auf dem Buckel haben, mag man sich gar nicht vorstellen – so perfekt, so geheimnisvoll klingt dabei seine geschundene Stimme.

Bei Hallelujah, jenem Klassiker, den zahlreiche Musiker jahrzehntelang mit Covern honoriert haben, ist es dann mucksmäuschenstill. Höchstens ein leises Summen ist in der Halle zu vernehmen. Und spätestens hier wird klar, dass Cohens Werke vor allem eines sind: Musik zum Mitschwelgen und zum Zurückreisen in die eigene Vergangenheit.

Die drei Stunden, die Cohen seine Zuschauer beglückt, gehen unglaublich schnell vorüber. Und doch liegt zu jeder Zeit Abschied in seiner Stimme. Ein Abschied, den er dann noch drei Mal hinauszögert, drei lange Zugaberunden, bis er sich schließlich doch noch mit gezogenem Hut vor seinem Publikum niederkniet, ihm eine gute Nacht wünscht und zum allerletzten Mal von der Bühne tänzelt.

Und dann, im Shuttlebus zur S-Bahn-Station, ist da noch etwas auffallend anders, als bei so vielen Konzerten anderer Künstler. Denn was folgt ist nicht etwa eine angeregte Unterhaltung, losgelöstes Gelächter oder aufgeregte Handygespräche, sondern einfach nur Stille. So gedankenversunken, so beschwingt entlässt eben nur einer sein Publikum in die Nacht.

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