Auf dem Mars in Marokko

„Ihr könnt unten am Strand in der Hütte wohnen“, hatte er gesagt. „Es gibt keinen Strom und kein Wasser, aber einen schönen einsamen Strand.“ Na gut. Er ist Yaniz, ein Surffotograf, den wir ein paar Tage vorher kennengelernt hatten und mit ihm weitergereist waren. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellte.

Eine Hütte in Marokko

Denn Yaniz kennt nicht nur die besten Orte in Marokko, sondern kennt auch noch Jérome. Und Jérome besitzt die besten Orte in Marokko. Jérome haben wir zwar noch nicht einmal getroffen, aber viele seiner Fußstapfen. Nach ein paar Tagen aufeinanderhocken, wurden unsere fremden Begleiter – Yaniz und seine Freunde – zwar ruckzuck zu nahen Vertrauten, aber ebenso auch ein bisschen zu viel. Meine Freundin Isi und ich brauchten mal wieder einen Sozialtapetenwechsel. Also willigten wir in die Fahrt zur einsamen Hütte ein. Besser hätten wir uns nicht entscheiden können.

Am späten Abend machten wir uns auf den Weg und hielten irgendwann irgendwo mitten auf der Straße durch die Berge an. Das Meer zwar in Sichtweite, aber viel zu weit weg. Es war kurz vor Vollmond und trotzdem wahnsinnig dunkel. Da kam Hassan um die Ecke. Hassan in einem dreckigweißen kleinen Unterhemd und einem dreckigweißen großen Truck. Auf der Ladefläche einen Frischwassercontainer für uns – und sonst nichts. Also war noch Platz für uns. Wir wechselten von unserem kleinen, unschuldigen Familienauto auf die Ladefläche des großen Trucks und Hassan fuhr auf den Abgrund zu ­– dachte ich zumindest.

Da entdeckte ich erst die kleine, unbefestigte Straße, die sich in Serpentinen den Berg hinunterschlung. „Nur Hassan schafft es, diese Straße zu befahren“, meinte Yaniz. Und das glaube ich ihm. Eine Straße, die kaum als eine solche zu erkennen ist, nur aus einzelnen, losen Steinen besteht, mit besonders großen Brocken zwischendrin. Als wären extra Stolperfallen eingebaut. Zudem halb so breit, wie Hassans Truck und an den Hangseiten ziemlich steil den Berg hinunter. Doch die Straße ist extra so, damit niemand anders auf die Idee kommt, Jéromes einsame Hütte zu finden.

Ein Stopp-Schild in Marokko

Die Fahrt wird zum spektakulären Raketenritt wie auf dem Mars. Auf der Ladefläche klemmen wir uns direkt hinter das Fahrerhaus. Aus dieser Perspektive wirkt der Weg, als könnte er jede Sekunde mit dem Ende der Welt enden. In jeder Kurve scheinen wir unerklärlich über dem Abgrund zu schweben. Das Gestein um unser Truckraumschiff wirkt fremd und es fühlt sich an, als könnte gleich dahinter ein Marsmännchen auftauchen. Wir können nichts hören, außer den lauten Truckmotor. Wir können nichts riechen, außer den benzinigen Auspuff. Unsere Hände krallen sich an staubigen Gitterstäben fest und werden immer tauber. Der Weg hinter uns ist schwarz, der Weg vor uns ist schwarz. So vieler Sinne betäubt, scheinen wir nur durch Hassans Scheinwerfer zu existieren und fühlen uns schwerelos im Nichts.

Bis wir ankommen. ‚Die Hütte unten am Strand’ ist ein wunderschönes, weißes Holzhäuschen direkt an der Schwelle zum wilden Meer. Nichts weit und breit. Außer einer alten Moscheeruine, die sich wie natürlich gewachsen in das Naturbild einfügt. Ibrahim, der Haushüter, steht schon freudig erwartend vor der Hütte. Ibrahim ist ein kleiner, alter, schüchterner Mann, mit dem wir nur über Gestiken kommunizieren können. Er trägt den gleichen Schnäuzer wie Hassan, nur trägt er ihn mit weniger Stolz. Schon jahrelang lebt er in dieser Hütte. Sie ist sein bester Freund und Begleiter, denn nur selten sieht er mal andere Menschen. Immer nur dann, wenn mal wieder Jérome oder Jéromefreunde oder Jéromefreundesfreunde wie wir vorbeikommen. Er drapiert uns das Bett, macht uns Tee und kocht uns den frischen Fisch, den wir am Morgen auf einem Fischermarkt gekauft hatten.

Am Meer in Marokko

Da er sich von unserer Hilfe in seiner Ehre untergraben fühlen würde, tun wir nichts außer uns vor die Hütte zu stellen und auf’s Meer zu gucken. Wir können uns gar nicht satt sehen, es scheint so viel zu passieren. Jedes Mal sieht es anders aus, wenn das Wasser auf den Strand platscht. Jede Welle, die bricht, ist unvergleichbar. Das Geräusch ist kein stetiges Rauschen, es ist das Knistern vieler einzelner Wasserkristalle – und jedes klingt anders.

Nach dem Essen sitzen wir noch lange auf der Terrasse, eingehüllt in unzählige Decken und erzählen, was uns so bewegt. Und was nicht. Denn das Meer und die Einsamkeit weht wie eine frische Brise in unseren Köpfen. Wir empfinden alle eine unglaubliche Klarheit in unseren Gedanken. Das ist ein tolles Gefühl und hilft uns, die Sozialtapete noch etwas bunter zu gestalten. Spät nachts verabschieden sich Yaniz und seine Freunde, Isi und ich gehen in unsere kleine Koje mit den vielen Decken, dem kleinen runden Bullauge direkt zum Meer und dem lauten Kristallknistern.

Die Gruppe in Marokko

Am nächsten Morgen schlafen wir so lange, wie noch nie und nie wieder danach auf dieser Reise. Dieser Ort ist nicht verschwunden in der Nacht, aber hat sich in Realität verwandelt. Es ist hell und die Hütte, das Meer, Ibrahim und die Magie sind immernoch da. Und wir sind immernoch da. Während wir uns noch am Meer die Zähne putzen, wuselt Ibrahim uns schon wieder Frühstück herbei. So ein guter Mensch. Und so ein guter Tee. An diesem Ort ist einfach alles intensiver. Ich wünsche Ibrahim, dass er niemals woanders leben muss. Dass er niemals erfährt, wie herzlos manche Orte sein können. Denn dieser hier ist voller Herz. Das rutscht allerdings auch manchmal in die Hose, wie wir gleich feststellen werden.

Das Frühstück in Marokko

Nach dem Frühstück gehen wir runter ans Meer und legen uns in den einsamen Sand. Endlich mal ungestört im Bikini liegen und baden. So richtig wie im Sommerurlaub. Das hatten wir bis jetzt noch nicht. Denn in Marokko ist das einfach nicht Sitte der Kultur und daher andernorts schwierig, sich so unbedeckt zu zeigen. Schwer nachvollziehbar für eine FKK-Nation.

Das Meer ist wild und kalt, die Wellen brechen stark und wollen uns mit hinaus ziehen. Das fühlt sich wunderbar an. Am liebsten würde ich mich mitziehen lassen. Der Sand ist fein und unberührt. Er klebt überall an der Haut und in den Büchern. Das fühlt sich wunderbar an.

Das Frühstück am Meer in Marokko

Plötzlich taucht hinter den Hügeln und Büschen plop-plop-plop die Berberjugend auf, starrt uns an und kommt immer näher. Erst denken wir noch, sie wollen nur am Strand spielen. Doch Meer und Sand interessiert sie nicht. Wir wissen ja, dass sie nie die nackte Haut von Frauen sehen, aber wie Playboyposter wollen wir auch nicht behandelt werden. Wir versuchen ihre Blicke mit dem Sonnenschirm abzuwehren. Doch sie laufen drumherum und fangen an, sich im Sand zu reiben.

Wenn sie sich wie wilde Tiere verhalten, können sie auch so behandelt werden. Wir versuchen sie zu verscheuchen: ‚Sch-sch!’ in Kombination mit wildem Handwedeln. Aber das bringt auch nichts. Durch die Tücher, die wir uns mittlerweile umgebunden haben, scheint ihre Phantasie hindurchgucken zu können. Unkonform gekleidete Frauen verdienen anscheinend keinerlei Respekt. Ebenso wie Frauen an falschen Orten. Trifft man beispielsweise eine Frau in einem Nachtclub, weiß man sicher, dass sie eine Prostituierte ist. In Marokko trifft man Frauen eigentlich nur Zuhause, beim Einkaufen, im Auto oder an der Ecke vor ihrer Haustür, wo sie sich mit Nachbarsfrauen treffen.

Berber in Marokko

Für die Berberjungs sind wir also sowas wie Pornoaliens. Während dieses interdependenten Theaterstücks aus Jungs im pubertären Vergnügen und Mädchen im Versteckversuch taucht erst Hassan auf. Wie ein Wachhund steht er mit stolzer Brust vor der Hütte und versucht die Jungs wegzupfeifen. Doch er ist zu weit weg, zu allein und ohne seinen eindrucksvollen Truck. Dann taucht Yaniz auf. Der macht einen Spruch zu einem der Jungs auf arabisch. Muss etwas gewesen sein wie „Na, du kleiner Wichser!“. Die Jungs lachen und verschwinden wieder hinter den Bergen. Männer und lässige Sprüche finden wohl immer Respekt. Auch an diesem Ort, der innerhalb weniger Stunden zwei unterschiedlichere Gesichter nicht hätte zeigen können. Dennoch hoffen wir für den jungen Berber, dass ‚kleiner Wichser’ nicht für immer sein Spitzname im Dorf wird.

Das Abschiedsbild in Marokko

Warst du mal in Marokko? Welche Tipps und Anekdotiques hast du von dort? Schreib einen Kommentar!

Gefällt dir dieser Artikel? Dann folge mir auf Facebook um über neue Beiträge auf dem Laufenden gehalten zu werden!

  1. Sven says:

    Ach, Du, Marokko! Du bist so wunderschön und so wunderlich zugleich!

    Antworten
  2. jessie says:

    Ah das macht fernweh. Noch mehr als man ja eh schon hat!
    aber ja kenne dieses Starren aus Indien. bzw kenne diese zwei Seiten.
    Auf der einen Seite erscheinen die Frauen normale und modern und im nächsten Moment bist du gerade als weiß-häutige die Attraktion überhaupt.

    Antworten
    • Lena says:

      Das macht auch mir selbst wieder Fernweh 🙂 Ich denke man sollte mit Offenheit auf das Starren reagieren. Das lässt mich leichter damit umgehen und manchmal auch nette Begegnungen daraus ziehen.

      Antworten
  3. Jürgen says:

    In Marokko gehen die Moderne und das Mittelalter Hand in Hand spazieren. Für westliche Frauen sicherlich nicht immer einfach. Selbstbewusstes Auftreten beeindruckt und verunsichert die Jungs dort am meisten.
    Ich liebe Marrakesch, war schon ein paar mal dort. In Essaouira habe ich im August gefrohren. Das nächste Mal möchte ich unbedingt durch den Atlas touren und die Dünenlandschaft in Erfud besuchen. Dein Artikel hat meine Sehnsucht nach Marokko neu entfacht.

    Liebe Grüsse, Jürgen

    Antworten
  4. Thomas Roth says:

    Über die Weihnachtstage für 8 Tage in Marrakesch, mein erster Besuch dort.
    Heiligabend bei 27° C in der Sonne gelegen.
    Auch Abstecher nach Essaouira gemacht.
    Kritisch muss ich sagen, dass ein Bummeln und ruhiges Ansehen in Marrakesch kaum möglich ist, da man ständig belästigt und angebettelt wird.
    Der Platz Jemaa el-Fna ist natürlich ein rauschhaftes Chaos, trotz der niedrigen Kosten für Lebensmittel, wird man schnell Geld los, wenn man sich auf das Handeln der Einheimischen (und der Kinder) einläßt.
    In der Hafenstadt Essaouira war dies etwas besser.
    Davon sollte man sich den Aufenthalt allerdings nicht verderben lassen.
    (sh. meine beiden neuen Beiträge auf meinem Blog)
    Thomas

    Antworten
Here you can write your thoughts about this post. Be kind & play nice.

Schreibe eine Antwort.