Wien und die Leichtigkeit des Seins

Leben und leben lassen – Wien ist sowas wie die stadtgewordene Gemütlichkeit. Oder wieso kommen einem die Menschen hier irgendwie entspannter vor, als anderswo? Wieso scheinen sie irgendwie das Schöne im Leben erkannt zu haben. Allen voran: deftiges Essen, guten Kaffee, prächtige Gärten und ein pittoresker Baustil.

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Kuppel

Mein erster Gedanke bei der Ankunft: diese Stadt muss im Krieg wohl nie bombardiert worden sein, denn es reiht sich ein prächtiges, wenn nicht geradezu pompöses Gebäude an das andere. Dass ich damit gehörig falsch lag, belegt die Tatsache, dass Wien im Zweiten Weltkrieg über 50 Bombenangriffen ausgesetzt war. Dennoch zeugt nahezu jedes Bauwerk von der langen Geschichte des Landes und ihrer Monarchie und hat seine ganz eigene Geschichte zu erzählen – ob Schloss Schönbrunn, Hofburg, Rat- oder Opernhaus.

Ein Großteil der Innenstadt versprüht auch heute noch den Charme des alten Kaiserreichs, den von Sissi und Franz. Auf manche mag das vielleicht sehr schmalzig und kitschig wirken. Und wenn man ehrlich ist, ist es genau das: purer Kitsch – aber in seiner schönsten Form. Denn wenn er nicht so prima hier her passen würde, könnte man sich auch fabelhaft darüber belustigen.

FreskoMozartkugel

An manchen Orten hat man gar das Gefühl, es könnte jeden Augenblick ein Fenster aufgehen aus dem die blutjunge Sissi mit quietschfideler Stimme nach ihrem Franz ruft. Und der kommt just in diesem Moment in voller Jagd-Montur aus dem Wald geritten, voller Stolz mit einem frisch geschossenen, jungen Reh auf dem Gaul – was Sissi natürlich nicht sonderlich erfreut, war sie doch ihr Leben lang ein allzu großer Tierfreund und konnte am Hobby ihres Gatten selten Gefallen finden.

Zurück in die Realität holt einen das moderne Wien. Denn auch das gibt es. Das MuseumsQuartier zu Beispiel, in unmittelbarer Nähe zum Rathaus, wurde vor einem Jahrzehnt als Treffpunkt der jungen Kunstszene eröffnet und ist eine Ansammlung von wenigen neuen und vielen gänzlich renovierten Gebäuden der einstigen Hofstallungen. Heute beherbergen sie eine Reihe von Museen und hübschen Cafés in denen das hippe Wien den Tag verlebt.

Kuppel_Museum

Das kann man aber in der ganze Stadt hervorragend. Genauer gesagt, überall, wo es was zu Essen gibt. Denn wenn die Österreicher eins besonders gut verstehen, dann Kochen und Backen. Von Wiener Schnitzel bis Kaiserschmarrn – man kann sich geradezu seinen Weg durch die Stadt fressen. Die Speisekarten sind so vielseitig, dass man sich kaum entscheiden kann. Ein Mahl ist verführerischer als das andere, eine Gaststätte besser als die nächste.

Wien_SchnitzelTorte_Wien

Wien ist eine kulinarische Versuchung – und zwar den ganzen lieben langen Tag. Den morgens startet man mit einem ausgiebigen Wiener Frühstück – zum Beispiel im Konzertcafé Schwarzenberg, das es seit dem Jahr 1861 gibt – holt sich mittags irgendwo eine Leberkässemmel auf die Hand (geht immer rein) oder eine Portion Gulaschsuppe. Den Nachmittag versüßt man sich mit einer Sachertorte und Wiener Melange. Oder alternativ ein Stück von Arnold Schwarzeneggers Leibspeise: Apfelstrudel mit Schlagobers oder kurz Schlag. Ja, so heißt das nämlich bei den Österreichern.

Bim-Schild

Und überhaupt, die Sprache: Joa die Wiener sans scho lustig. Dabei wirkt der Akzent zumindest auf süddeutsche Ohren keineswegs befremdlich, sondern eher gediegen und irgendwie liebenswürdig. Es sind kleine, sprachliche Besonderheiten, die den österreichischen und besonders den Wiener Dialekt ausmachen. Ein halber Liter Bier wird zum Krügel. Quark heißt Topfen, Spätzle sind Nockerln und Tomaten Paradeiser. Und das Beste: die gute alte Straßenbahn – und die ist in Wien wirklich alt – wird von den Wienern liebevoll Bim genannt. Großartig, oder? Bis zu meiner Abreise war leider nicht zu klären, ob sich dieser Begriff von der Bimmelbahn ableitet. In diesem Falle hätte ich sicherlich nochmals innerlich applaudiert vor Freude.

Wien wird mich noch häufig wieder sehen. Sei es für einen ausgedehnten Spaziergang durch die Gärten Schönbrunns, für einen ausgiebigen Fressmarathon durch die Stadt oder einfach nur für eine gehörige Portion „Gemüatlichkäit“.

Manner

Hinweis: In einer früheren Version habe ich behauptet, Wien sei nie bombardiert worden. Tja, man lernt ja immer dazu. Danke dafür an meine Leserin Susanne, die mich aufgeklärt hat.

Warst du mal in Wien? Welche Tipps und Anekdotiques hast du? Hinterlasse einen Kommentar!

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  1. Sandra says:

    Die Wiener als entspannt erlebt man wohl durch die rosarote Touristenbrille 🙂 Für ein authentisch lokales Erlebnis des berühmten Wiener Schmäh (der Ausdruck, den wir erfunden haben, um unsere generelle Abneigung gegen andere Menschen zu einer charmanten Touristenattraktion zu machen) empfehle ich, 20 Minuten vor Ladenschluss noch einen Supermarkt betreten zu wagen. Oder gleichzeitig mit zwei anderen Menschen in die U6 einsteigen zu wollen. „San Se wahnsinnig, Se bleder Trampl Se.“

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  2. Clemens says:

    Hahah, dann hab ich schon ein paar To Dos fürs nächste Mal.

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  3. Oh du schönes Wien!
    Bilder und Gefühle wie in einem Märchen..
    auch wenn der Wiener Schmeh erstmal verstanden werden muss, kann man gar nicht anders als den Prunk und die Gelassenheit zu lieben 😉

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  4. Susanne says:

    Hallo Clemens,

    es freut mich, dass Dir Wien so gut gefällt! Ich lebe seit vielen Jahren hier (komme eigentlich aus der Steiermark) und bin sehr zufrieden!

    Zwei Ergänzungen:
    Wien wurde sehr wohl im 2. Weltkrieg bombardiert: https://de.wikipedia.org/wiki/Bombardierung_Wiens_im_Zweiten_Weltkrieg
    Die gebräuchlichere Abkürzung für Schlagobers ist „Schlag“, nicht Obers. Man bestellt z.B. „Torte mit Schlag“.

    Liebe Grüße aus Wien
    Susanne

    PS: Gratulation zu deinem Blog!

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    • Clemens says:

      Hi Susanne, vielen lieben Dank für deine Hinweise. Du hast natürlich vollkommen Recht. Schön, dass Wien trotz der Bombardierung so viele der schönen Bauten erhalten konnte. Da muss ich wohl noch ein paar Mal hin, damit mir so Etwas wie „Schlag“ nicht noch einmal passiert.

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  5. Zorana says:

    ice description . I’m in love with Wien too 🙂 Nice place. I was a few times there, and I’m barely waiting for another trip in this lovely city 😀 Nice work Clemens.

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  6. Zorana says:

    mistake: *Nice

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  7. Step says:

    hallo clemens,

    ich habe erst gestern deinen blog entdeckt und bin begeistert! tolle geschichten, super fotos und mit viel humor geschrieben, macht echt spaß zu lesen und ist gleichzeitig auch super informativ für reisefreaks wie ich einer bin.

    und nachdem ich zufällig aus wien bin – danke für diesen netten artikel über meine schöne heimatstadt. die in diesen minuten gerade wählt und dabei fürchte ich ihr weniger freundliches, xenophobes gesicht zeigen wird – etwas, das touristen, denen unsere stadt so gefällt, zum glück meistens verborgen bleibt. dir aber wünsche ich natürlich viele sachertorten mit schlag 🙂

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